News am

Besitzen religiös erzogene Kinder ein schlechteres Sozialverhalten als Kinder, die eher unabhängig vom Glauben an Gott aufwachsen? Das behaupten die Forscher nicht, fördern mit ihrem Experiment jedoch erstaunliche Einzelheiten zu Tage.

Übersicht

  • Die Versuchsanordnung
    Teilungs- und Besitzdenken
    Beobachten und Konsequenzen
  • Die Auswertung
    Wer gibt mehr ab?
    Was sind die Ursachen?
  • Die Erkenntnisse
    Klare Fakten
    Vorsichtige Interpretation

Möchten Sie von Zuhause aus Geld verdienen?

Zwei Experimente – ein Ergebnis

Sticker teilen

Die Forscher berichten im Fachmagazin Current Biology von einem Experiment mit 1100 Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren. Finanziert wurde die Studie von der John Templeton Foundation. Sie sah sich in der Vergangenheit mit der Kritik konfrontiert, vor allem proreligiöse Forschung zu fördern. Die Versuchsteilnehmer wuchsen christlich, muslimisch oder religiös kaum geprägt auf. Einige der Kinder bekamen 30 Sticker und die Versuchsleiter teilten ihnen dann mit, dass sie nicht für alle Kinder genügend Sticker hätten. Sie forderten die Kinder auf, innerhalb ihrer Gruppen (christlich, muslimisch oder säkularisiert) mit anderen zu teilen.

Rangeleien beurteilen

Im zweiten Experiment waren die Kinder aufgefordert, Rumschubsen oder mutwillige Rempeleien moralisch zu beurteilen. Bei beiden Versuchsanordnungen kamen die Forscher zu den gleichen Ergebnissen.

Säkularisiert und solidarisch

Die Ergebnisse ergaben, dass religiös erzogene Kinder weniger ihrer Sticker teilten als die säkularisiert aufwachsende Altersgruppe. Dabei zeigten sich zwischen der christlichen und der muslimischen Gruppe keine Unterschiede beim Teilen: Beide gaben weniger Sticker ab als die religiös nicht geprägten. Bei den Rangeleien beurteilten die muslimisch geprägten Kinder das Verhalten der Rempler besonders streng und forderten die höchsten Strafen. Signifikante Unterschiede zu den ebenfalls streng urteilenden christlichen Altersgefährten gab es jedoch nicht. Besonders großzügig bewerteten die säkularisierten Kinder die Rangeleien, politisch-gesellschaftlich formuliert zeigen sie liberale Wertvorstellungen. Das deckt sich mit vergleichbaren Forschungen an Erwachsenen.

Alter und Sozialstatus

Die Forscher berücksichtigten das Alter und den Sozialstatus der Versuchsteilnehmer. Bekannt ist, dass bei Kindern der Gerechtigkeitssinn mit dem Alter zunimmt. Bei der Auswertung jedoch versuchten die Forscher, diese beiden Faktoren – Alter und Sozialstatus – herauszurechnen. Ob das hundertprozentig gelingt, ist nie sicher nachweisbar. Interessant ist zum Beispiel die Frage, ob der soziokulturelle Hintergrund der Eltern sich auf das Solidarverhalten ihrer Kinder auswirkt.

Überhöhtes Selbstbild – weniger Reflektion

Die Forscher erklären ihre Ergebnisse mit dem Phänomen des moral licensing: Wer etwas Gutes macht – in diesem Falle religiös zu sein – macht sich weniger Gedanken über sein konkretes Verhalten im Alltag. Die Forscher weisen darauf hin, dass die zunehmende Säkularisierung der Welt – das Verschwinden der religiösen Einflüsse – die Menschen keineswegs unsolidarischer macht. Vielleicht sei sogar das Gegenteil der Fall. Die Ergebnisse dieser Forschung sind wichtig, weil sie der weit verbreiteten Einschätzung widersprechen, Religion fördere Moral und Sozialverhalten positiv. Das besitzt auch gesellschaftliche Konsequenzen: In den USA zum Beispiel ist es fast unmöglich, dass ein Mensch ohne religiöse Bindung in ein hohes politisches Amt gewählt wird.

0 Bewertungen
0.00 / 55 0