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Ende der 1950er Jahre führte der US-Psychologe Harry Harlow einen Versuch mit Affenbabys durch, um das Wesen der Eltern-Kind-Beziehung genauer zu analysieren. Denn davon, dass die Liebe zum Kind wichtig sein könnte, waren zu seiner Zeit nur wenige überzeugt. Doch mit dem Experiment wandelte sich die Auffassung nahezu schlagartig!

Es war eine Zeit, in der man noch glaubte, dass die Zuneigung zum Kind den Nachwuchs eher verderben könnte, als dass sie nützlich sei. Diese Annahme beruhte damals auf dem behavioristischen Modell der Konditionierung:

Man ging davon aus, das Verhaltensweisen durch Belohnung gefördert würden – nicht etwa durch Liebe. Kein Wunder, dass in den Familien für „Liebe“ aufgrund dieser Annahme nicht besonders viel Platz war.

Ein Experiment musste für Aufklärung sorgen

Heute hört sich eine solche Annahme natürlich ziemlich lächerlich an. Doch vor etwas mehr als 70 Jahren wusste man es eben nicht besser. Also beschloss der US-Psychologe Harry Harlow der Sache mit einem außergewöhnlichen Experiment auf den Grund zu gehen:

Er isolierte neugeborene Rhesus-Äffchen von ihren leiblichen Müttern. Als Ersatz erhielten sie zwei leblose Attrappen. Eine der Attrappen bestand aus einem Drahtgestell, in die ein Fläschchen in Höhe der Brust eingebaut war. Auf diese Weise konnten die Jungen „gestillt“ werden. Eine weitere Attrappe bestand aus einem warmen, kuscheligen Stoffkörper, jedoch ohne Stillfunktion.

Es zeigte sich, dass die Äffchen zum Trinken zwar immer das Drahtgestell aufsuchten, sich ansonsten jedoch lieber in der Nähe der „Stoffmutter“ aufhielten.

In demselben Versuch ließ der Forscher die Drahtmutter sogar auf die Jungtiere los, um ihnen einen Schrecken einzujagen. Sofort flüchteten die Baby-Äffchen zur Stoffmutter, die sie zwar nie ernährt, ihnen dafür jedoch Wärme gespendet hatte.

So wichtig war der Versuch

Der Versuch von Harlows ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, hat jedoch einen entscheidenden Beitrag dazu beigetragen, wie unsere Kinder heute erzogen werden. Damals war die Erkenntnis, dass Liebe wichtiger ist als Nahrung, für viele Menschen ziemlich überraschend.

Das passiert mit Kindern, die vernachlässigt werden

Schon im 20. Jahrhundert konnten Forscher zeigen, dass sich ein Mangel an Zuwendung und an Reizen negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirkt. Und zwar nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Die gesamte Entwicklung kann verzögert oder sogar gestört werden. In der Medizin spricht man hier von Hospitalismus oder Deprivation. Die extremste Ausprägung wird unter dem Begriff Kaspar-Hauser-Syndrom zusammengefasst.

Folgen für das Kind können sein:

  • motorische Verlangsamung
  • Teilnahmslosigkeit
  • soziale Kontaktstörung
  • Angstzustände
  • Depressionen
  • Wutanfälle
  • Aufmerksamkeitsprobleme

Kann man Kindern zu viel Liebe schenken?

Heute ist man in den Erziehungswissenschaften schon deutlich weiter: Es ist bekannt, dass Nähe und liebevolle Zuwendung von Vertrauenspersonen besonders wichtig für Kinder sind. Und tatsächlich: aus evolutionärer Sicht wird einem sofort klar, dass es genau so sein muss…

Nähe bedeutet Schutz. Vor vielen Jahrtausenden gab es nicht die Sicherheit, die der Mensch heute genießt. Man musste Tag für Tag und Nacht für Nacht um seinen Nachwuchs fürchten – mindestens ebenso sehr musste sich der Nachwuchs um sich selbst fürchten. Kein Wunder, dass Kindern Nähe noch immer so wichtig ist. Sie ist ein Zeichen von Sicherheit.

Für viele Erziehungswissenschaftler ist daher auch klar, dass es so etwas wie „zu viel Liebe“ nicht geben kann.

Bildquelle: © nadezhda1906 – Fotolia.com

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